Abstracts

 

Jessica A. Albrecht (Universität Heidelberg)

Geschlecht und Religion im Medium der Übersetzung

Der integrale Bestandteil, den Übersetzungen bei der Frage nach (inter-)kulturellem Kontakt, Vergleich und Identität spielen, ist in der Religionswissenschaft schon lange kein Novum mehr. Doch der Frage danach, was Übersetzung bedeutet, in welcher Relation es zu Interpretation steht und welche Rolle hierbei sowohl Text, Sprache als auch Praxis innehaben wurde nicht hinreichend nachgegangen. In der feministischen Geschichtsforschung wurden in den letzten Jahren einschlägige Publikationen veröffentlicht, die sich mit genau dieser Fragestellung beschäftigen. In diesem Vortrag werden diese kurz vorgestellt, um danach aufzuzeigen, wie sie für die Religionswissenschaft fruchtbar gemacht werden können. Als disziplinüberschreitendes Fallbeispiel wird hierfür der Kontext des spätkolonialen Sri Lankas herangezogen (1880-1920). Zu dieser Zeit wirkten Frauen aus Sri Lanka mit Frauen aus Europa und den USA zusammen oder gegeneinander für eine religiöse Bildung von Mädchen. In diesem Kontakt entstand sowohl das, was in den 1930ern zur Frauenrechtsbewegung in Sri Lanka führte, als auch eine spezifische Vorstellung von religiöser Erziehung und religiöser Weiblichkeit. Übersetzungen waren hierfür zentral und dienen als Möglichkeit, die kolonialen Machtdynamiken, in die jedwede Identitätsbildung zu dieser Zeit eingebunden war, sowie die Frage nach Text und Praxis neu theoretisch zu erfassen.

 

Judith Bachmann (Universität Heidelberg)

Das Problem der Materie und oralen Traditionen in einer globalen Religionsgeschichte: Diskutiert am Beispiel der Funde von Ile-Ife im frühen 20. Jahrhundert

Nach bisherigen Ausformulierungen beschäftigen sich Ansätze einer globalen Religionsgeschichte vor allem mit dem, was gerne als intellektuelle, elitäre Quellen ausgezeichnet wird: philosophische Abfassungen, Geschichtsdarstellungen, Zeitschriftenbeiträge etc. In vielen Regionen sind jedoch dies gerade nicht die Quellen, die vordergründig als die Basis nicht-westlicher Agency gelten. Im Yoruba-sprachigen Südwestnigeria werden hier hingegen die Bedeutung oraler Traditionen und traditionell gefertigter Objekte hervorgehoben, die zum einen bereits vor der Kolonialisierung in Gebrauch waren und zum anderen diese unverändert überstanden haben sollen. Sie werden als Grundlage indigener Epistemologien wahrgenommen, die heute eine dekoloniale Alternative bieten. Am Beispiel der Funde von Ile-Ife und ihrer Deutungen vor dem Hintergrund oraler Traditionen werde ich analysieren, welche Rolle Materie und orale Traditionen in einer globalen Religionsgeschichte spielen können. Ich werde dabei die (Un-)Eindeutigkeit von materiellen Quellen diskutieren und konkret zeigen, in welchen Vorgängen die Bedeutungen der traditionellen Gegenstände von Ile-Ife fixiert wurden und werden und inwiefern dabei auch orale Traditionen als Spiegel eines ethnisch-afrikanischen Weltbildes festgeschrieben wurden. Dieses Beispiel wird schließlich auch die Frage nach der Positionalität einer globalen Religionsgeschichte und ihre potenzielle Öffnung für andere Perspektivitäten aufwerfen.

 

Michael Bergunder (Universität Heidelberg)

Historiographie und Komparatistik aus der Perspektive einer globalen Religionsgeschichte

Das Konzept einer globalen Religionsgeschichte hat das Potential – in Aufnahme kritischer Ansätze des Poststrukturalismus, der Cultural Studies, des Postkolonialismus und der Gender Studies – theoretische und methodische Anregungen für das gesamte Feld der Religionswissenschaft zu geben. Das kann aber nur geschehen, wenn mit „Globalität“ und „Geschichte“ ausschließlich die heutige Positioniertheit der Religionswissenschaft gemeint ist, die zugleich den unhintergehbaren Ausgangspunkt für jede konkrete religionswissenschaftliche Forschung bildet.

„Global“ bezieht sich dann auf die globale Verfasstheit der heutigen Wissenschaft und Gesellschaft. „Geschichte“ bezeichnet eine genealogische Kritik des heutigen Forschungsstandes und der von der heutigen Forschung verwendeten Allgemeinbegriffe. Historisierung in diesem Sinne beschränkt sich nicht auf philologische Forschung an Quellen aus der Vergangenheit, sondern ist auch für jede Forschung relevant, die auf Daten aus zeitgenössischer ethnologischer Feldforschung oder anderen empirischen Methoden beruht.

Weiterhin kann damit die vermeintliche Trennung von Religionsgeschichte und vergleichender Religionswissenschaft überwunden werden. Genauso wie der Religionsvergleich ist Geschichte innerhalb eines genealogischen Ansatzes konstitutiv eine Funktion der Gegenwart. Das zweite Jahrhundert ist genauso wenig unmittelbar zugänglich wie das zwanzigste Jahrhundert. Religionsgeschichte und Religionsvergleich rekurrieren beide notwendigerweise auf Allgemeinbegriffe der Gegenwart, die sie beide als Vergleichspunkt (tertium comparationis) für die Interpretation ihres Materials benutzen. Für jede konkrete religionswissenschaftliche Forschung wird es damit konstitutiv, ihr spezifisches Erkenntnisinteresse offenzulegen und die verwendeten Allgemeinbegriffe – auf die sich jede Forschung stützen muss, ob sie will oder nicht – zu rechtfertigen. Das kann zugleich helfen, eine künstliche Trennung von Theorie und Praxis zu überwinden, die gerade in der Religionswissenschaft immer wieder anzutreffen ist.

 

Ulrich Harlass (Universität Bremen)

Deutsche Orientalistik, das Abendland und ein globalgeschichtliches Experiment

Mit dem Aufkommen rechtspopulistischer Bewegungen (Pegida, AfD…) kam eine Debatte über das „Abendland“ auf, die in der Forschung historisch meist auf Oswald Spengler und eine sehr „deutsche“ Auseinandersetzung eng geführt wird. Der tiefere historische Blick verliert sich meist in unklaren Hinweisen, etwa auf Friedrich Schlegel und romantische Intellektuelle als Urheber einer weitreichenden und betont deutschen Identitätspositionierung, obschon eine Historisierung besagter Abendlanddebatte meines Wissens aussteht. Ansätze „postkolonialer“ Provenienz hingegen heben bereits seit und gegen Said kritisch hervor, dass deutsch(sprachig)e Orientalisten eben keinen deutschen „Sonderweg“ beschreiten. Zwei Fragen stellen sich vor diesem Hintergrund. Wie wurden „abendländische“ Selbstpositionierungen (i.e. europäische und „deutsche“ Identitäten) im Vergleich zum Orient im frühen 19. Jahrhundert artikuliert? Ob und wie sind diese von mehr als bloß „deutschem“ Kontext abhängig?

Der vorgeschlagene Ansatz ist zunächst ein „Testballon“ für ein Arbeitsprojekt der kritischen Aufarbeitung dieses Narratives, in dem die Selbstbespiegelungen deutschsprachiger orientalistischer Stimmen des frühen 19. Jahrhunderts in den Fokus kommen. Hier ist besonders nach den Verständnissen und der Entwicklung von „Religion“ zu fragen und den Auseinandersetzungen um Nation, Europa (das Abendland?) und natürlich die darin artikulierte Relationierung von Orient und Okzident. Kurzum: Wie also kann diese vermeintlich „lokale“ Debatte globalhistorisch aufgearbeitet werden?

 

Adrian Hermann (Universität Bonn)

Globale Übersetzungen: Religion und Wissenschaft in Thailand und auf den Philippinen im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Ausgehend von der Hypothese, dass die Entstehung von „Religion“ als globaler Kategorie durch die Etablierung einer Reihe von „Unterscheidungen von Religion“ gekennzeichnet ist (Hermann 2015, Hermann 2016), werde ich einige Überlegungen zu Unterscheidungen zwischen „Wissenschaft“ und „Religion“ anhand von Material aus Thailand und den Philippinen vorstellen. Im Thailand des 19. Jahrhunderts war ein Kernelement der Entwicklung des buddhistischen Modernismus das umstrittene Verhältnis zwischen buddhistischer Kosmologie und dem von christlichen Missionaren und anderen Akteuren verbreiteten westlichen wissenschaftlichen Wissen. Debatten zu diesen Themen finden sich in der Zeitschrift Bangkok Recorder und dem 1867 erschienenen Buch Nangsue Sadaeng Kitchanukit [Ein Buch, das verschiedene Dinge erklärt]. Auf den Philippinen ging die Gründung der Iglesia Filipina Independiente im Jahr 1902 mit der Veröffentlichung von zwei kurzlebigen Zeitschriften und einer Reihe von Traktaten und Büchern einher. In diesen Schriften untersuchten die IFI-Intellektuellen die Beziehungen zwischen „Religion“ und „Wissenschaft“ und ordneten ihre neue Kirche und die Religionsgeschichte auf den Philippinen in einen globalen Vergleichsrahmen ein. Ich werde dieses Material nutzen, um darüber nachzudenken, wie Prozesse der Unterscheidung und Differenzierung zwischen Wissenschaft und Religion um 1900 zu begreifen sind. Ein besonderer Fokus liegt dabei darauf, wie sich auf der Basis von Lydia H. Lius Begriff der „translingualen Praxis“ die Übersetzung von Konzepten zwischen Sprachen verstehen lässt.

 

Christoph Kleine (Universität Leipzig)

Präkoloniale Verflechtungen und Vergleiche als Motor und als Thema einer globalen Religionsgeschichte: Vorüberlegungen am Beispiel Japans

Bisherige Ansätze einer globalen Religionsgeschichte leiden weit überwiegend an zwei Defiziten: Sie nehmen eine (i.d.R. durchaus reflektierte) eurozentrische Perspektive ein und stellen recht einseitig das 19. Jahrhundert in den Fokus. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe. Ich möchte mich in meinem Beitrag jedoch für eine räumliche und zeitliche Erweiterung des Blickfeldes sowie eine Dezentralisierung der globalen Religionsgeschichte stark machen. Überwiegend am Beispiel Japans möchte ich zeigen, dass interkulturelle Verflechtungen und wechselseitige Kulturvergleiche schon in der Vormoderne und teilweise ganz ohne europäische Beteiligung nicht nur Kulturtransfers in gigantischem Ausmaß bewirkt, sondern auch die Herausbildung komparativer Konzepte und Taxonomien erforderlich gemacht haben, die dann ab dem 16. Jahrhundert im Zuge der Begegnung mit Europäern als konzeptuelle Ressource für kulturelle Vergleiche und Übersetzungen dienten. Auf diese Weise entstand aus der Begegnung zwischen Asien und Europa gewissermaßen ein globales Religionssystem als Produkt und Fortsetzung einer Verflechtungs- und Vergleichsgeschichte, die nicht erst mit dem europäischen Kolonialismus beginnt (schon gar nicht erst im 19. Jahrhundert), durch diesen jedoch unzweifelhaft einen enormen Schub erfährt.

 

Karénina Kollmar-Paulenz (Universität Bern)

Nga rang gi chos khyod rang gi chos: „meine Lehre und deine Lehre“, „mein dharma und dein dharma“, „meine Religion und deine Religion“? Religionsvergleich und Globale Religionsgeschichte

Im Projekt einer Globalen Religionsgeschichte, die sich nicht auf die Erforschung der globalen Verflechtungen von „Religion“ seit dem 19. Jahrhundert beschränkt, sondern auch historische Formationen vor dem 19. Jahrhundert, differenzierte soziale und epistemische Strukturen in außereuropäischen Regionen vor dem Auftreten von Europäern und Einflüsse und Diffusionsprozesse jenseits des bekannten West-Ost/Kolonisatoren-Kolonisierte-Schemas in den Blick nimmt, spielt der Religionsvergleich in zweifacher Hinsicht eine wichtige Rolle. In meinem Beitrag möchte ich zum einen einige methodische Bemerkungen zum impliziten Religionsvergleich durch die Verwendung der partikularen und historisch kontingenten Kategorie „Religion“ machen. Zum anderen möchte ich am Beispiel Tibets Globale Religionsgeschichte als Geschichte vielfältiger kultureller und religiöser Verflechtungen fassen und danach fragen, welche komparatistischen Taxonomien zur Beschreibung und Analyse pluraler religiöser Landschaften in Tibet entwickelt wurden, um so für die Globale Religionsgeschichte neue multi-zentrische Perspektiven zu eröffnen.

 

Diana Lunkwitz (Universität Hamburg)

„World Christianity“ oder „Global Christianity“? Zum Diesseits von eurozentrischen Perspektiven in Universal- und Globalvorstellungen

„Eurocentrism has not withered away“ (Spivak). Bei Einteilungen „der Welt“ überwiegen in Religions- und Christentumsgeschichtsschreibungen weiterhin Realitätskonstruktionen und Ordnungssysteme von Zeit und Raum aus eurozentrischen Perspektiven. Auch in deutschsprachigen Publikationen finden sich mittlerweile „Jenseits“-Vorstellungen in Buchtiteln. Diese sollen neben den diskutierten Zugängen – globale Religionsgeschichte, polyzentrische Christentumsgeschichte, kontextuell-deskriptive und komparatistische Ansätze – im Vortrag diskursanalytisch angefragt werden. Dabei wird lesbar, dass alle Historiographien von komparatistischen und dichotomischen Darstellungsmustern durchzogen sind und perspektivisch exemplarisch abbilden.

Differenzierungen zwischen Welt, Globalität, Globalismus und Globalisierung sowie ihre Verortungen, gleichfalls von „Europa“, erfolgen zusammen mit einem erhöhten Augenmerk auf Kategorien von Temporalität. Hier wird an aktuelle Debatten im anglophonen Bereich zu Sprache und Texten angeschlossen (bspw. Filardo Llamas, Laura, Christopher Hart, and Bertie Kaal, eds. 2016. Space, Time and Evaluation in Ideological Discourse).

Bevor nach Realitäten von Globalität hinsichtlich heutiger Christentümer gefragt werden kann, ist eine Historisierung von „Welt“ und „Christentum“ respektive den Dynamiken in „Weltchristentum“ voranzustellen, die aus Wissensproduktionen, insbesondere anhand von Weltkarten und Missionsatlanten, hervorgehen. Die kartographischen Arbeiten von Peter Reinhold Grundemann (1836-1924), mit Gustav Warneck (1834-1910) der Mitbegründer der ‚modernen’ Missionswissenschaft, konkretisieren, welche Narrative für Lokalisierungen von „Welt“ und „Religion“ richtungsweisend waren/sind und ausgehandelt wurden/werden. Im Historisierungsbemühen bleibt das vorwiegende eurozentrische Missionsverständnis im historischen Kontext mit konkreten Akteuren (*innen?) zu erörtern, wonach Grundemann das von ihm begründete Forschungsgebiet nach seiner Indienreise 1890/91 und seinen Kritiken an der „Missionsarbeit“ vor Ort verlassen musste.

 

Giovanni Maltese (Universität Hamburg)

Religionsgeschichte vergeschlechtlicht: Femininität, Maskulinität und Islam in anglophonen muslimischen Debatten Süd- und Südostasiens (1930-1941)

In den 1930/40er Jahren stand die Frage „Was ist Islam?“ im Mittelpunkt sämtlicher anglophoner muslimischer Debatten Süd- und Südostasiens. Ein zentraler Streitpunkt war, ob Islam überhaupt als Religion gelten könne. An der „science of comparative religion“ kamen allerdings auch jene nicht herum, die Islam als Kategorie sui generis betrachteten. Ein locus classicus, an dem das Problem der Inkommensurabilität diskutiert wurde, war die Emanzipation der Frau, wobei sich diverse Konzeptualisierungen von Femininität und Maskulinität gegenüberstanden.

Der Beitrag möchte ausloten, welche neue Perspektiven sich für globalgeschichtliche Ansätze und für den Religionsvergleich ergeben, wenn die Geschlechtsthematik und die Vergeschlechtlichung der Diskurse, in denen Religion verhandelt wurde, konsequent in den Blick genommen werden. Damit verbunden sind Fragen nach einer theoretisch fundierten Reflexion von Situiertheit, Erkenntnisinteresse und Positionalität von Wissensproduktion, die in der Religionswissenschaft zunehmend Aufmerksamkeit erlangen.

 

Christian Meyer (FU Berlin)

Global Religious History aus der Perspektive der modernen chinesischsprachigen Religionsforschung und ihrer Diskurse

Allgemeine Religionsgeschichte und Vergleichende Religionswissenschaft (zhujiao cankao, bijiao zongjiaoxue) – und damit auch der Ansatz des Religionenvergleichs – wurde in China bereits ab der späten Qing-Zeit (1890er Jahre) und besonders ab den 1920er Jahren eingeführt. Gerade die komparative Methode wurde dabei als innovativ und als Ausweis von Wissenschaftlichkeit wahrgenommen. Der neue globale Horizont eröffnete neue Möglichkeiten der Traditionskritik, aber auch neuer diskursiver Koalitionen. Zugleich hat sich die neuere chinesische Religionsforschung – oft entlang der eigenen „indigenen“ Traditionen – spezialisiert und wurde bzw. wird immer wieder funktionalisiert.

Die chinesische Genealogie der Religionswissenschaft – und implizit auch die Genealogie der Übersetzung und Adaption des westlichen Religionsbegriffs als zongjiao – bietet somit Stoff zum Nachdenken, zum einen, wie (unter welchen Bedingungen und zu welchen Zwecken) in einer nichtwestlichen Wissenschaftstradition die innovative Idee des Vergleichens im Bereich der „(Welt)Religionen“ (shijie zongjiao) eingeführt wurde und immer neu verstanden wird. Zum anderen lassen sich moderne westliche und chinesische Genealogien von Religionswissenschaft und Religionsbegriff(en) selbst miteinander abgleichen. Zum Vergleichsgegenstand werden somit nicht mehr die „Religionen“ als angenommenen Entitäten selbst, sondern Diskurse zu Religion als neuer Vergleichsgegenstand.

 

Ulrike Schröder (Universität Rostock)

„Religion“ im Vergleich: Saiva Siddhanta im Spiegel globaler Interferenzen

Über Vergleichen und Verstehen, Vergleich und Interesse in der Religionswissenschaft ist in den letzten Jahren intensiv debattiert worden. Insbesondere die kritische Aufarbeitung des Religionsbegriffs im Rahmen einer globalen Religionsgeschichte hat gezeigt, dass als „Religion(en)“ identifizierbaren Diskursen der Gegenwart komplexe Genealogien inhärent sind, die spätestens seit dem 19. Jahrhundert über einzelne konkrete regionale Kontexte hinausweisen. Diese Einsicht ist jedoch nicht nur für die religionsgeschichtliche Forschung interessant, sondern muss insbesondere für empirische und gegenwartsbezogene Forschungsprojekte weitergedacht werden: Was bedeutet es, Feldforschungen durchzuführen, wenn die untersuchten Praktiken bzw. Personen bereits Teil eines komparativ strukturierten Diskursfeldes rund um „Religion“ sind? Wie können Positionierungen religiöser Akteure untersucht werden, die selbst „vergleichende“ Perspektiven in Bezug auf bzw. in Abgrenzung von anderen Religionsgemeinschaften enthalten?

Der Vortrag wird diesen Fragen anhand einiger Befunde aus der eigenen Forschung zu rezenten hinduistischen Bewegungen aus dem Spektrum des Saiva Siddhanta nachgehen, die sich in einem multireligiösen Umfeld in kritischer Nachbarschaft v.a. zu christlichen und anderen hinduistischen Gemeinden konstituieren. Der Religionsvergleich kommt hier als doppelte Praxis in den Blick, sowohl auf der Ebene der Akteure als auch der Religionswissenschaftlerin: Wie werden Ähnlichkeiten und Unterschiede durch vergleichende Handlungen erzeugt, mit welchen Positionierungen sind sie verknüpft und wie kann dies religionswissenschaftlich erschlossen werden?

 

Julian Strube (Universität Wien)

Religionsvergleich, Orientalistik und die translinguale Rede vom „globalen Okkulten“ seit dem 18. Jahrhundert

Diese Fallstudie leistet einen Beitrag zu fortwährenden religionskomparatistischen Debatten, indem sie das Vokabular verschiedener Fachgebiete genealogisch zurückverfolgt und anhand konkreter Beispiele historisch kontextualisiert. Der zentrale Ausgangspunkt ist die an Popularität gewinnende Rede vom „globalen Okkulten“ sowie das in verschiedenen asienbezogenen Regionalwissenschaften weit verbreitete „esoterische“ Vokabular, das in bemerkenswerter gegenseitiger Abschottung von der spezialisierten Esoterikforschung Verwendung findet.

Vor dem Hintergrund solch segmentierter Gegenwartsforschung wird der Vortrag zwei historische Entwicklungsstränge nachverfolgen und historiographisch einordnen: erstens die seit dem 17. aufkommende Terminologie esotericus, gnosis und cabala, die zur Beschreibung „östlicher“ (vor allem arabischer, persischer und indischer) Gegenstände verwendet wurde und im 18. Jahrhundert zum Standardvokabular orientalistischer Forschung sedimentierte. Hier wird das Augenmerk auf Bengalen im 18. und 19. Jahrhundert ruhen. Zweitens wird die Identifikation daoistischer Praktiken als „okkulte Wissenschaften“ anhand eines komplexen translingualen Austauschprozesses zwischen Paris und Beijing im späten 18. Jahrhundert beleuchtet werden.

Anhand dieser Beispiele werde ich für die Berücksichtigung diachroner (präkolonialer) lokaler Kontexte in ihrem eigenen Recht plädieren und die Notwendigkeit einer dezentralisierten Historiographie zum Verständnis der hier behandelten historischen Religionsvergleiche herausstellen. Mein Hauptinteresse besteht dabei im Verständnis historischer Kontexte, die translinguale Praxis und kulturelle Austauschprozesse bedingten und strukturierten.

 

Yan Suarsana (Universität Bremen)

Irminsul in Creglingen? Religiöse Verflechtungsgeschichte am Beispiel eines tauberfränkischen Dorfes

Postkoloniale Ansätze der Verflechtungs- und Globalgeschichte finden in der historisch arbeitenden Religionswissenschaft (und zunehmend auch in der Kirchengeschichte) oftmals in der Untersuchung von Kontexten des globalen Südens – den ehemaligen Kolonialgebieten – Anwendung. Demgegenüber impliziert das dekolonisierende Anliegen dieser Ansätze im Sinne einer allgemeinen Dezentrierung von Wissen deren Anwendung prinzipiell in allen Kontexten der historischen Welt – auch und gerade in den europäischen. In diesem Sinne versucht sich dieser Vortrag an der historiographischen Dezentrierung eines zunächst recht „unscheinbaren“ Ortes im württembergischen Franken. Am Beispiel der Ulrichskapelle im Creglinger Ortsteil Standorf sollen historische Verflechtungen nachgezeichnet werden, die dieses Kleinod der Taubertäler Provinz als Kulminationspunkt übergreifender Diskurse – und damit als Produkt globaler Aushandlungsprozesse – erweisen.

 

Florian Zemmin (FU Berlin)

Sociological perspectives on religion in Arabic and their Islamic genealogy

Many Arab sociologists have been criticizing the rather weak establishment of sociology in their countries. This concerns structural issues, especially political constraints for research and the underfunding of universities, but also theoretical issues, not least the Eurocentric formation and workings of sociology. Both structural and theoretical issues are especially pronounced when it comes to sociology of religion: to position religion as an object of sociological study faces political constraints and societal skepticism, also due to its representing a secular, supposedly particularly European perspective on religion. That being said, sociological approaches to religion in Arabic do have a longer history and feature more widely than is often assumed. This talk will provide glimpses into the history and presence of these approaches and their characteristics, addressing both structural and theoretical questions and highlighting especially an Islamic genealogy to contemporary sociological perspectives on religion.